Respekt für Radler

Heute habe ich das erste Mal an der Sternfahrt in Berlin teilgenommen, mit dabei mein Vater, der unbedingt mal mit dem Fahrrad nach Berlin wollte. Mehr wollten oder konnten dann aber nicht teilnehmen, dabei hieß es doch so schön:
"Die Sternfahrt ist eine Demonstration an der jeder ohne Anmeldung teilnehmen kann. Zielgruppe sind Menschen jeden Alters, die gerne Rad fahren. Die Sternfahrt ist keine Sportveranstaltung und es geht nicht um Geschwindigkeit."
Auch der eigentliche Initiator der Reise, Frank, ohne den wir davon nichts mitbekommen hätten, hatte keine Zeit. :-)
Aber nun zur Fahrt selbst. Wir hatten die Wahl, von 75 Startpunkten aus an der Fahrt teilzunehmen. Ich wollte dabei eine möglichst lange Route und auch eine Route, bei der wir viel Berlin sehen. Daher fiel mein Auge auf den Start in Oranienburg, 63,5 km sollten es von da sein. Doch das ging nicht, weil man mit dem ersten Zug aus Magdeburg den Startpunkt nicht pünktlich erreichen konnte. Aber der zweite Einstiegspunkt der Route, Birkenwerder, war mit dem ersten Zug machbar. Gesagt, getan, mein Vater war schnell überzeugt ;), und so fanden wir uns heute morgen um 5.45 Uhr am Hauptbahnhof wieder. Unser Zug startete pünktlich 6.04 Uhr, vorher mussten wir noch ein Wochenendticket und zwei Fahrradkarten kaufen, da es in Berlin und Brandenburg keine kostenlose Fahrradmitnahme gibt. Um kurz vor acht sind wir dann in Berlin - Friedrichstraße umgestiegen, in die S-Bahn Richtung Oranienburg. Unterwegs fiel mir wegen der langen Fahrzeit auf, dass ich mich mit der Weite etwas verschätzt hatte, ich dächte, es läge alles etwas näher am Zentrum. Um 8.44 Uhr waren wir dann am Bahnhof Birkenwerder, die Starter aus Oranienburg sollten 9.15 hier vorbeikommen. Also noch etwas gespanntes Ausruhen. Neben uns warteten noch knapp 15 andere Radler auf den Start. Als dann ein paar Radler die Straße herunterkamen, dachten wir schon - oha, das sind ja doch sehr wenig. Aber dann kamen vier Polizeiwagen und dahinter die Überraschung - bestimmt gut 200 Radfahrer haben den weiten Start in Oranienburg ausgewählt. Wir haben uns dann angeschlossen, und es ging auch erstmal zügig los, die B96a Richtung Berlin. Die Autofahrer staunten nicht schlecht, aber nahmen es größtenteils gelassen, sie hatten ja auch nur einen kurzen Stopp wegen uns einlegen müssen. Da kam auf die Berliner Autofahrer eine noch größere Belastungsprobe zu. Kurz hinter Schönfließ dann erstmal ein Stopp - wir waren zu schnell. Die durchgeplante Fahrt, musste wegen der vielen Treffpunkte zeitlich genau ablaufen. Also warten, bis wir wieder in der Zeit waren. Nach knapp 20 km waren wir in Berlin, wo wir am S-Bhf. Hermsdorf erstmal eine kleine Ehrenrunde einlegten. Ob das so genau geplant war, weiß ich nicht, Fakt ist, dass wir nach dem Dreh plötzlich ganz hinten waren :), aber das war ja eigentlich egal. Es war nur deswegen ein bisschen blöd, weil hinten das Tempo immer wellenartig gebremst oder beschleunigt wurde. In Hermsdorf wechselte auch die Begleitung, nicht mehr die Polizei des Kreises Oberhavel begleitete uns jetzt, sondern nun standen uns die Beamten der Berliner Polizei zur Seite, dieses Mal unter anderem auch mit Motorrädern. Nach und nach wurden es dann immer mehr Radfahrer, spätestens ab Bahnhof Wilhelmsruh konnten wir kein Anfang oder Ende des Radfahrerkorsors erkennen. Durch die Straßen, und an mittlerweile teilweise doch recht entnervten Autofahrern vorbei ging es nun durch Reinickendorf. Am U-Bahnhof Osloer Straße konnte ich mich noch gut erinnern, dass ich an dieser Stelle gestern mit Steffi und Tim umgestiegen bin. Über die Bornholmer Straße streiften wir nun auch Pankow und bogen dann in den Prenzlauer Berg ab. Auf der Schönhauser Allee dann einer der zwei Kritikpunkte, die ich an der Organisation hatte. Die Straßenbahn verlief hier direkt auf der linken Fahrbahn. Für Radfahrer ein Risiko, einen Sturz durften wir direkt miterleben. Die Fahrt verlief nun direkt ins östliche Stadtzentrum, direkt am Alexanderplatz vorbei. Obwohl wir unserem Ziel, dem Brandenburger Tor recht nah waren, fuhren wir jetzt durch Kreuzberg Richtung Neukölln. Hier war der hohe Anteil türkischer Bewohner unverkennbar. Sie schienen recht uneinsichtige Autofahrer zu sein, die immer wieder versuchten, die Radfahrer-Demo zu durchbrechen. Kurz hinter dem Bahnhof Neukölln sind wir dann in den größten Radfahrer-Stau geraten, den ich je erlebt habe. Es ging nämlich plötzlich so gut wie nicht mehr voran. Knapp 10 Meter pro 5 Minuten konnte man sein Rad schieben. Grund für den Mega-Stau, tausende von Radfahrern mussten die Auffahrt Grenzallee zur Südautobahn überwinden, und das war gerade einmal eine Spur. Meiner Meinung nach ein Organisationsfehler, die einzelnen Routen sollten hier lieber zeitlich gestaffelt auffahren, dann bekommt man das vielleicht besser in den Griff. Nach knapp 45 Minuten für gute 500 Meter ging es dann aber endlich auf die Autobahn, hier erstmal mit einem ca. 2km langen Tunnel. Hier konnten wir dann erstmals richtig Tempo machen und einige Plätze gutmachen. Vorbei am Flughafen Tempelhof ging es dann wieder oberirdisch weiter. Kurz vor dem Kreuz Schöneberg ging es dann von der Autobahn wieder runter. Hier offenbarte sich ein richtiges Chaos, das die Sperrung der Autobahn (übrigens komplett, auch die Gegenrichtung war hier dicht) ausgelöst hatte. Manch Autofahrer trieb das hier wirklich an die Schmerzgrenze, was manche akustisch (also durch ihre Hupe) auch zeigten. Aber hier konnten heute viele lernen, wie das Verhältnis auf der Straße normalerweise aussieht: Freie Bahn für Kraftfahrer, während für Radfahrer immer irgendwelche untergeordneten Lösungen angestrebt werden. Es zeigt bei manchen auch vielleicht die Ignoranz, denn die Demo war ganz sicher gut angekündigt und das Chaos vorhersehbar. Unsere weitere Route führte uns dann über den Kurfürstendam zum Bahnhof Zoo, von dort zum Ernst-Reuter-Platz, wo die andere große Sammelroute von der Avus zu uns stieß. Spätestens hier waren die Straßen aber endlich perfekt abgesperrt, duch ein Meer von Radfahrern ging es über die Straße des 17. Juni vorbei an der Siegessäule zum Ziel, dem Brandenburger Tor. Wir besuchten dann noch kurz den Reichstag und machen dort wie auch am Brandenburger Tor Fotos mit unseren Rädern, wer weiß, wie oft man da mit dem Rad hinkommt. Über Unter den Linden fuhren wir dann zum Dom, wo wir im Lustgarten eine Essenspause einlegten. Danach fuhren wir zum Ostbahnhof, weil hier die Züge noch nicht so voll sind. Um 16.03 Uhr fuhr uns der RE dann wieder pünktlich nach Hause. Eine Überfüllung des Zuges blieb im Gegensatz zu gestern zwar aus, aber es war sicher schon besser, es so zu machen. Nur die komischen Klappsitze sind nicht sehr komfortabel. Mein Fazit: Eine sehr schöne Tour, für jeden zu empfehlen. Nicht so trainierte Radler sollten allerdings an Startpunkten im Stadtgebiet Berlins einsteigen, weil es sonst evtl. doch zu viel wird. Wer sich aber 50 km bei gemächlichem Tempo (Schnitt war knapp 13 km/h) zutraut, der hat die freie Wahl. Bis auf zwei Kritikpunkte war die Organisation auch bestens. Leider war die Sonne unerwartet stark, so dass ich nun wieder mit einem Sonnenbrand meine letzten Solo-Tage verbringen darf. Noch ein paar Zahlen: Gesamtdistanz: 70,35 km (davon 9,2 km auf Magdeburger Boden) Gesamtschnitt: 13,72 km/h Mein Spruch des Tages, von einem wartenden Autofahrer: "Warum benutzt ihr nicht die Bürgersteige?"

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Mikey am :

*Wenn ich den "Erfolg" des beruflichen Samstags betrachte, wäre ich doch lieber nach Berlin gefahren...
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